Kinderbuch

Wer würde endlich eine Transformationsmaschine erfinden, mit der man reisen konnte, von Buch zu Buch, von Traum zu Traum, ohne jemals aufzuwachen?

Bertie

 Eine turbulente Familiengeschichte zwischen Wien und Berlin.

Virginie und Bertie sind Zwillinge, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Während Virginie ihrer großen Leidenschaft, dem Eislaufen nachgeht, fühlt Bertie sich ein bisschen verloren in Berlin. Und so entschließt er sich nach der Trennung der Eltern, mit seiner Mutter nach Wien zu gehen. Doch die Geschwister vermissen einander mehr, als sie gedacht hätten, und schmieden Pläne, um die Familie wieder zusammenzuführen.

Manchmal hatte Virginie den Eindruck, von Schattenmenschen umgeben zu sein, und sie selbst drehte sich, ein Feuerrad, in der Mitte.

Virginie

Leseprobe

 

Laternen aus Butterbrotpapier leuchteten zitternd in die Nacht. Sie hingen an den Bäumen rechts und links am Ufer des Flusses und wackelten leise im Wind hin und her. Wie Glühwürmchen sahen sie aus, dachte Virginie. Sie blies sich Atem in die Hände und schwang sich auf die Eisfläche. Dunkle Wärme stieg in ihr hoch, von tief unten. Sie war die letzten drei Tage nicht eisgelaufen und spürte nun, wie sehr sie es vermisst hatte. Schon!

„Hey, du musst Virginie sein, Berties Zwillingsschwester!“

Ein großer Typ mit Wollmütze und schwarzer Skijacke kam angebraust und bremste erst kurz vor Virginie ab. Mit einer schnittigen Kurve kam er zum Stehen.

„Richtig?!“ fragte er.

Eine kleine Eiswolke verpuffte vor seinem Gesicht. Die Haut des Jungen war hell, und er hatte Sommersprossen im Gesicht. Virginie zwinkerte mit den Augen. Beim Antworten stotterte sie ein bisschen. Das ärgerte sie.

„Zufälligerweise ja. Und wer bist DU, Mister Wichtig?!“

Der Junge lachte auf, nahm seine Mütze vom Kopf und wischte sich über die verschwitzte Stirn.

„Hat Bertie dir etwa nicht von mir erzählt? Christoph, coolster Typ in Himmelhof? Bester Freund von Bertie?!“

Frech blickte er Virginie in die Augen. Gleichzeitig lieb. Auf Virginies Wangen prickelte die Kälte, aber unter ihrer Jacke schwitzte sie. Obwohl sie noch gar nicht richtig losgelaufen war.

„Doch, hat er! Natürlich. Hi, Christoph, also!“

Virginie machte eine Geste mit ihrer Hand, als würde sie Christoph zuwinken, und lief dann mit kräftigen Schritten los.

In die Nacht.

„Hey, wartest du nicht auf mich?“, rief Christoph und flitzte hinter Virginie her.

Je schneller er lief, umso mehr beeilte sich Virginie. Ohne es miteinander abgesprochen zu haben, liefen die beiden um die Wette. Virginie hörte, wie Christoph atmete, hinter ihr, nur ein paar Schritte. Sie hatte das Gefühl, sie würde gleich abheben, in die Luft. Ein Vogel! So schnell glitt sie über die Eisfläche. Leise lachte Virginie in sich hinein.

 

Missgelaunt stapfte Bertie über das holprige Eisbett. Er war noch nie gut im Schlittschuhlaufen gewesen. Bertie mochte es nicht, zu frieren und hinzufallen. Das Eis war ihm zu glatt und hart. Außerdem musste man das Gleichgewicht halten und die Beine anspannen, und am nächsten Morgen hatte man Muskelkater und x blaue Flecken, die taten weh. Nein danke! Sowieso war das immer Virginies Sache gewesen, der Sport, das Eis, das Tanzen. Die Show!

Wo ist Virginie?, fragte Bertie sich und blickte sich suchend um. Weiter vorne am Flussufer entdeckte der Junge die hellrote Winterjacke seiner Schwester. Irgendjemand im Schwarz stand bei ihr. Die beiden schienen sich zu unterhalten. Bertie kniff die Augen zusammen, um besser zu sehen, aber er konnte nicht erkennen, wer das war. Die Laternen am Flussufer spendeten gerade so viel Licht, dass man die gröbsten Hindernisse auf der Eisfläche erkennen konnte und die Schattenkonturen der anderen Läufer.

Plötzlich fuhr Virginie los, schnell wie ein Pfeil. Die schwarze Gestalt folgte ihr, lautlos.

Bertie wollte schreien:

„Pass auf Virginie!“

Dann riss es an seinem Herzen, wie wenn Zügel gegen das Fell schubberten, bei Pferden. So musste sich das anfühlen, dachte Bertie, der plötzlich wusste, mit wem Virginie über die alte Donau lief. Er fühlte sich mit einem Mal todmüde, so als hätte er die letzten Tage keine Minute geschlafen. Am liebsten hätte Bertie sich auf die Eisfläche gelegt mit angezogenen Beinen und angewinkelten, fest an den Körper gepressten Armen. Ein kleines Menschen-Paket. Bertie wollte nur noch schlafen! Wind brauste in seinen Ohren. Der Junge legte den Kopf in den Nacken und starrte in den Himmel. Der war rabenscharz.

Copyright Ulrike Schrimpf 2019