Interview

„Jetzt wünsche ich mir, dass du einen Text ganz ohne Tote schreibst.“ Interview mit Ulrike Schrimpf, Autorin und Dozentin für „Kreatives Schreiben“

 

I: Kannst du mir noch mal erzählen, wie du zu dem Medium Rap gekommen bist?

U: Da gibt es unterschiedliche Gründe. Einer ist, dass meine beste Freundin Volksschul-bzw. Grundschullehrerin ist. Sie ist überhaupt nicht spießig, hat sich aber beklagt über die Rap-Texte, die in ihren Klassen – da sind ja kleine Kinder, die sind 6, 7, 8 Jahre alt – kursierten. Sie fand die Texte grob, misogyn, gewaltverherrlichend, und empfand die Texte auch als schlecht geschrieben, also als keine gute Poesie. Wir haben uns darüber ausgetauscht. Ich komme aus dem Bereich Literatur und hatte die Idee, ein Kinderbuch zu schreiben. Dann meinte sie, dass ich doch über ein Mädchen schreiben könnte, die Rapperin ist, und gute Texte schreibt. ‚Gute Texte‘ im Sinne von mit Sprache spielend, Sprache wertschätzend, die nicht nur auf Provokation und Gewaltverherrlichung aus sind. Das war ein Grund. Der zweite Grund war, dass Martina Adelsberger von den Büchereien Wien, die ich sehr gerne mag und die das Kinder- und Jugendprogramm organisiert und leitet, mir den Vorschlag gemacht hat, Workshops zu halten. Die Büchereien Wien arbeiten, zusammen mit KulturKontaktAustria und Basis.Kultur.Wien, viel mit Lehrlingen und suchen immer nach etwas, das Lehrlinge anspricht. Ohne diese Institutionen wären die Workshops nicht möglich. Rap ist eine Form von Lyrik, eine teilweise sehr anspruchsvolle, vielseitige und interessante Form, mit der die Lehrlinge etwas anfangen können.

(…)

I: Wie laufen die Workshops prinzipiell ab, macht ihr ein Intro anfangs?

U: Wir machen erstmal einführende Übungen zum kreativen Schreiben. Die haben dann noch gar nicht speziell mit rappen zu tun. Die Lehrlinge müssen ja auch erst mal reinkommen. Das sind teilweise junge Menschen, die sowas noch nie gemacht haben, und sowas noch nie in Betracht gezogen haben, so etwas zu können oder machen könnten. Eigentlich fangen wir immer damit an, dass sie sich eine eigene Identität erfinden. Ganz vorsichtig, unmerklich, kommen wir in den Bereich, wo sie selber Texte schreiben. Da haben wir dann bis jetzt immer einen Text von Yasmo genommen, den sie über ihre Hassliebe zu Wien geschrieben hat, und einen Song von Peter Fox gezeigt. Dann zeigt man, was alles möglich ist und macht verschiedene Übungen, und dann macht Yasmo Freestyle mit den Lehrlingen. Wir haben jeweils drei Stunden an drei Terminen zur Verfügung.

Es geht dann auch immer darum, die Bücherei miteinzubeziehen in den Workshop. Dann geht es irgendwann dazu über, einen eigenen Song zu schreiben und zu performen. Das wird dann auch aufgenommen, was übrigens ganz wichtig ist unserer Erfahrung nach. Wenn die Leute vor dem Mikrophon stehen und das Gefühl bekommen, dass das jetzt professionell ist, dann weckt das zwar einerseits Ängste, aber andererseits blühen die Leute auf und treten sehr selbstbewusst auf.

I: Stellt ihr am Anfang der Workshops irgendwelche Regeln auf?

U: Gar nicht, nein.

I: Ich stelle mir vor, dass Rap schon so assoziiert ist, dass man seine Gefühle ausdrücken kann, allem freien Lauf lassen kann, vielleicht auch etwas Krasses sagen kann. Passiert da manchmal etwas?

U: Ich habe mir im Vorhinein darüber Gedanken gemacht, weil ich ja wusste, dass es in diesem Interview darum geht. Ehrlich gesagt entsteht im Extremen auch das Künstlerische. Und interessanterweise ist es auch so, dass die künstlerischsten Lehrlinge, die den interessantesten und kreativsten Text produzieren, die sind, die provokanter werden. Irgendwie geht das miteinander einher. Es gab einmal eine Textstelle, die wir geändert haben. Ich fand den Text im Grunde voll okay, da ging es um Wien. Es wurden auch negative Gefühle gegenüber Wien beschrieben, z.B. Aggression, Drogen, Arbeitslosigkeit. Ausländerfeindlichkeit kam nie zur Sprache. Also, es wurden schon Konfrontationen verschiedener Nationalitäten beschrieben. Meistens sind die Lehrlingsgruppen sowieso bunt gemischt, da ist kaum ein Österreicher dabei. Natürlich, wenn da krass frauenverachtende, gewaltverherrlichende Inhalte wären – aber das kommt nicht. Sie sind aber insgesamt schon eher düster. Das ist auch einfach das Alter, das sind junge Menschen. Da gehört ein gewisser Nihilismus dazu. (…) Ich bin der Meinung, dass es darum geht, diesen jungen Menschen eine authentische Stimme zu verleihen. Ich habe zu keinem Zeitpunkt in irgendeiner Form vor, eine Zensur wirken zu lassen. Das heißt ja nicht, dass man gewisse Themen nicht trotzdem bespricht, oder sagt ‚Das ist jetzt wirklich krass, kann man das wirklich so sagen? Was meinen die anderen dazu?‘ Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich das von selber im Kurs reguliert.

I: Hast du da mal was angesprochen, was sich dann selber reguliert hat?

U: Da ging es um das Aufeinandertreffen verschiedener kultureller Hintergründe. Da waren Lehrlinge aus Tschechien, Ungarn, Afghanistan. Das Phänomen kennt man ja, dass die zweite in Österreich lebende Generation dazu neigt, verallgemeinernd gegen Ausländer zu wettern, oder sie zu kritisieren. Was wir von Anfang an machen, ist den Heimatort zu definieren. Es geht im Workshop ja auch um das Thema „Heimatstadt“. Da kommt dann schnell raus, dass es oftmals nicht Wien ist, auch wenn sie hier aufgewachsen sind. Sie sprechen auch von ihren Heimatdörfern. Dann ist von Anfang an eine Sensibilität gelegt. Wenn dann trotzdem später sowas kommt, ist die Frage, wie man das lenkt. Ich versuche immer, eine Frage zu stellen, und nicht zu werten. Zum Beispiel ‚Wie ist das genau gemeint? Sind alle der Meinung? Schreiben wir das wirklich so? Finden wir da einen Konsens?‘

I: Das machst du daran fest, dass sich für dich etwas komisch anfühlt bei dem Gesagten oder Geschriebenen?

U: Ja. Ganz klar.

I: Wo genau sind da für dich die Grenzen gesteckt?

U: Ich glaube, ich komme diesbezüglich schon aus der künstlerischen Ecke. Wenn ich das Gefühl habe, etwas hat einen künstlerischen, kreativen Impetus oder Impuls, dann darf es auch manchmal bestehen bleiben, oder muss bestehen bleiben dürfen, auch wenn ich inhaltlich nicht damit einverstanden bin. Aber wenn es um die pure Provokation, um den puren Aussagewert geht, dann ist es anders. Der ganze Workshop ist ein Plenum, um Themen wie Zugehörigkeit, Muttersprache, Heimat, die Frage was die Zukunft bringen soll, wo und wie will ich leben… Rap ist ein Ausdrucksmedium dafür.

I: Was zeichnet den Rap als Medium aus, um etwas zu bewirken? Einmal aus deiner pädagogischen Perspektive als Kursleiterin, aber auch aus deiner Perspektive als Autorin mit deiner Kinderbuchfigur Zara.

I: Rap ist eine Ausdrucksform, der sich jeder erstmal öffnen kann. Wenn wir z.B. einen Popsong schreiben würden, wären ganz viele schon draußen, weil sie sagen würden, dass sie nicht singen können. Rappen ist ja viel komplizierter, als die meisten auf Anhieb denken – Rhythmusgefühl und so weiter. Aber das ist vielen gar nicht so bewusst. Das Gefühl, dass spontan Sprechen jeder kann, ist stärker. Das ist so eine unmittelbare Art, sich auszudrücken, wo ich das Gefühl habe, dass sich jeder traut und jeder einen Zugang dazu hat. Damals, als ich die ‚Zara‘ geschrieben habe – das ist ja jetzt auch schon 6, 7 Jahre her –, war das Thema hoch im Kurs. Jetzt, wenn ich manchmal daraus lese, habe ich das Gefühl, dass eine Rapperin gar nicht mehr so cool oder so angesagt ist. Das ist nur mein subjektiver Eindruck. Es ist im Grunde damals eine Kunstrichtung gewesen, bei der offensichtlich war, dass dazu die meisten Zugang dazu haben. Wenn die Figur ‚Zara‘ jetzt eine Balletttänzerin

 wäre, oder eine klassische Sängerin, wären viele von Vornherein draußen, weil es sie nicht interessiert oder weil sie sagen, dass sie nicht wissen was das ist.

I: Du hast den Rap als Sprachrohr genutzt, um alle ansprechen zu können?

U: Ja. Als demokratische, alle ansprechende Ausdrucksform. Ich selber war dem gar nicht besonders nah, ich habe auch bis heute nicht besonders viel Rap gehört.

I: Was repräsentiert die Frauenfigur in deinen Büchern, die Rap macht?
U: Ich habe eigentlich in jedem Buch einen Song, den sie rappt, und der dann auch eine Rolle spielt. Das Buch ist u. a. in gewissen feministischen Buchläden und Zeitungen besprochen worden. Zara ist eine starke, eigenwillige und mutige Mädchenfigur. Sie liebt die rote Zora, das ist ein Vorbild von ihr. Es ging mir schon darum, nichts zu diesem  Einheitsbrei von ‚Prinzessin Lillifee‘ oder  ,Conny‘ beizutragen, sondern ich wollte etwas Eigenwilliges, Witziges, Freches, Mutiges schreiben. Vor allem war mir wichtig, eine Mädchenfigur zu schaffen, die sich traut in gewisser Weise anders zu sein, und die dafür auch mit ihrer Kunst, ihrem Rap, einsteht. Die Bücher handelt viel vom Anderssein, Zaras kleiner Bruder hat das Down-Syndrom.

I: Du hast vorhin gesagt, dass Zara den Rap anders nutzt, und zeigt, dass Rap ohne Gewaltverherrlichung und Schimpfwörter auskommt?

U: Ich weiß natürlich nicht, was echte Rapper zu den Texten sagen würden. Wahrscheinlich finden die Zaras Rap-Texte peinlich und bieder. Aber für mich genügt es, wenn es Kinder – Mädchen, aber auch Jungs – gibt, die damit etwas anfangen können und sich davon berühren lassen. Die Bücher sind ja auch für eine jüngere Zielgruppe geschrieben, für 10- bis 12-jährige. Das müssen Jugendliche nicht toll finden.

I: Du hast vorher angesprochen, dass die Auszubildenden in den Kursen unterschiedliche Muttersprachen haben. Wie gehst du damit um, wenn auf verschiedenen Sprachen geschrieben wird?

U: Wir lassen alles rein, andere Sprachen, Dialekte, Schimpfwörter, Flüche, Umgangssprache… Ich finde das interessant, und habe die Auszubildenden sogar schon aufgefordert, den Refrain auf verschiedenen Sprachen zu gestalten. Das ist immer wieder schön – das merke ich bei meinen Lesern, aber auch in den Workshops – was für ein Strahlen über die Gesichter geht, wenn sie merken, dass sich jemand für ihre Muttersprache interessiert. Da entstehen auch schöne Dialoge zwischen den Teilnehmern. Das ist eine absolute Bereicherung.

I: Übersetzt ihr die Texte auch, sodass jeder weiß, was gesagt wird?

U: Wir sprechen schon darüber, ja. Interessanterweise ist es so, dass im endgültigen Text noch nie die Muttersprache übernommen wurde. Ich hätte das schön gefunden, zumindest im Refrain, aber da kam nur die Wiener Mundart als Dialekt mit rein.

(…)

I: Ich wollte noch mal den Bereich politischer Statements ansprechen. Wenn jetzt jemand etwas schreibt, beispielsweise ein Kurde verleiht seinen Gefühlen gegenüber der türkischen Regierung Ausdruck versus ein Deutscher, der gegen die Flüchtlinge schreibt. Würdest du die beiden Fälle unterschiedlich bewerten? Man hat ja selber ein politisches Standing, aus dem heraus man vielleicht unterschiedliche Nationalismen unterschiedlich bewertet.

I: Als Dozentin würde ich versuchen das auszuschließen. Ich kann den Teilnehmern nicht vermitteln, dass eine Meinung mehr wert und schützenswerter ist als die andere.

I: Du würdest emotionale Wertungen raushalten?

U: Ich würde versuchen, das zu kommentieren. Ich scheue nicht davor zurück, meine Meinung zu sagen, aber ich würde immer für Toleranz einspringen. Wenn du den Teilnehmern vermittelst: ihn nehme ich ernster als dich, seines hat mehr Wert als deines, dann funktioniert der ganze Workshop nicht.

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I.: Worin siehst du deinen pädagogischen Auftrag? Hast du einen?

U: Wenn überhaupt würde ich meinen pädagogischen Auftrag in der Inspiration, in der Belebung zur Kunst sehen. Die Aussage, oder die Botschaft, steht für mich an zweiter Stelle. Das ist ja ein großes Feld… Denk zum Beispiel an Ezra Pound oder Knut Hamsun, das sind große Dichter und Autoren, die aber auch Nationalsozialisten waren. Kann / darf man sie deswegen nicht schätzen, und ihre Kunst nicht groß finden? An allererster Stelle steht für mich, die Leute zum Schreiben zu bringen, zum Kunstschaffen zu bringen, ihre kreative Stimme und ihre Kreativität kennen zu lernen. Das ist der Grund, wieso ich das mache. Nicht, um eine Botschaft der Menschlichkeit oder Toleranz zu vermitteln. Das steht weit dahinter für mich.

(…)

I: Wie ist es mit Gewaltinhalten? Seien es eigene Gewalterfahrungen, oder die Androhung von Gewalt oder Gewaltphantasien. Werden sie in den Texten thematisiert?

U.: In meinem Projekt zu kreativem Schreiben habe ich schon immer so ein paar Jungs, die immer nur Horrorgeschichten schreiben…

I: Ist das ein anderes deiner Projekte?

U: Genau, ich gebe Kurse im kreativen Schreiben. Ich habe da zwei Kurse, in denen wir alles Mögliche machen. Da habe ich immer wieder, meist pubertierende, Jungs, die am Anfang immer nur Horrorgeschichten schreiben, wo in allen Details ständig jemand stirbt. Für die anderen ist das eklig. Neulich habe ich dann gesagt: ‚Alle haben sich geekelt, das hast du wirklich gut gemacht, für dieses Genre. Jetzt wünsche ich mir, dass du einen Text ganz ohne Tote schreibst.‘ Das mache ich dann schon, dass ich das lenke. Es ist aber auch eine Leistung, einen guten Horror-Text zu schreiben, das kann nicht jeder. Dieses Projekt mache ich wöchentlich.

I: Wie kommen die Kinder und Jugendlichen zu deinem Kurs?

U: Ich habe eine Website. Ich habe mir immer gewünscht, die Kinder und Jugendlichen nicht nur in Workshops zu begleiten, sondern sie regelmäßig zu sehen, weil mir das einfach total viel Spaß macht. Ich habe einen Workshop für 7-bis 10-jährige, einen für 11- bis 16-jährige. Wir schreiben Gedichte, Märchen, machen Übungen zum automatischen und assoziativen Schreiben – wir machen alles Mögliche. Ich geben den Kindern und Jugendlichen schon zu verstehen, dass es überhaupt nicht interessant ist, wenn 13 Leute in einer Geschichte sterben, hintereinander, bummbummbumm. Da sollen sie lieber einen Mord ganz ausführlich beschreiben. Aber du kannst nicht sagen, wir lassen das komplett weg. Das beschäftigt sie, ist ein Thema, und das Schreiben dafür ist eine Ausdrucksform. Es muss und soll ausreichend Raum dafür geben.

(…)

I: Hast du in den Rap-Workshops mit den Lehrlingen mit sexistischen Inhalten zu tun gehabt? Gab es Situationen, in denen du gemerkt hast, dass sich etwas komisch anfühlt?

U: Ich glaube nicht. Es waren auch immer Lehrerinnen dabei, und wir beiden Dozentinnen sind ja auch zwei Frauen. Von der Haltung her kann man vielleicht manchmal etwas wahrnehmen. Wenn Yasmo und ich reinkommen, sagen die Männer manchmal ‚Hm, zwei Frauen und Rap…‘ Aber erstens ist Yasmo ja eine wahnsinnig gute Rapperin und Poetryslammerin, und wenn sie einen Auftritt oder Freestyle hinlegt, hält auch jeder seine Klappe. Zweitens bin ich das gewöhnt. Damit bin ich mein Leben lang konfrontiert gewesen. Als ich z. B. als Studentin als Dozentin für ‚Deutsch als Fremdsprache‘ gearbeitet habe oder später als ich die pädagogische Leiterin der Charité International Academy war und auch Kurse in „Fachsprache Medizin“ und „Interkultureller Kommunikation“ gegeben habe, habe ich oft internationale Teilnehmende gehabt, die gesagt haben, dass sie nicht an dem Kurs teilnehmen wollen, weil ich eine Frau bin. Damit kann ich umgehen, dem kann ich begegnen.

I: Aber du hast da trotzdem noch die Sensibilität dafür.

U: Ja, und dann thematisiere ich das auch, und frage vielleicht ‚Hast du jetzt ein Problem damit, weil ich eine Frau bin?‘ Dann ist das eigentlich immer schnell erledigt.

I: Wo siehst du die Grenzen der Kunstfreiheit?

U: Das ist so eine schwierige Frage! Wie gesagt, wenn ich das Gefühl habe, dass jemand mit Kunst nahezu körperlich, aber auch psychisch, angegriffen wird, dass jemand diffamiert wird und mit der Kunst Gewalt ausgeübt wird – was man ja kann – dann hat es in diesem Rahmen, in diesen Workshops, keinen Raum. Inwiefern man das dann wirklich als Kunst verwerten kann, ist noch einmal eine andere Frage, mit der ich mich zum Glück nicht befassen muss.

I: Wenn du dich mit der befassen würdest, hättest du da dieselbe Ansicht?

U: Ich bin da ganz unschlüssig, ich weiß es nicht. Was ich vorher angesprochen habe mit Ezra Pound und Knut Hamsun – ich finde, dass man das in gewisser Weise trennen muss. Für mich sind das trotzdem großartige Künstler. Dass sie menschlich oder politisch falsche Auffassungen hatten, kann man sagen, aber das macht ihre Kunst nicht kleiner. Ich bin da schon für eine gewisse Trennung. (…) Man muss unterscheiden, ob etwas einen tieferen, notwendigen Sinn hat oder nur banale Provokation ist. (…) Das ist natürlich auch wieder eine große Frage: Was ist Kunst? Die Kunstfreiheit ist mir sehr wichtig. Wenn man die Geschichte anschaut, dann hat der Versuch Kunst zu beschneiden, einzuengen, zu verbieten oder zu zensieren nie zu etwas Gutem geführt hat.

I: Hat dich der Diskurs um Political Correctness, also dass man manche Sachen nicht sagen darf, beeinflusst in deinem Empfinden von dem, was man sagen darf?

U: Ich bin immer dafür, wenn es um Sensibilität mit Wörtern geht. Den Wörtern nachzuhören, und zu überlegen, was sie bewirken, finde ich immer gut, egal in welche Richtung.

I: Welchen Stellenwert haben ethnische und kulturelle Zuschreibungen im Rap?

U: Ich habe das Gefühl, dass das eine große Rolle spielt. Ich versuche immer all meinen Schreibenden zu sagen, dass es in ihren Texten um etwas gehen muss. Zugehörigkeit, Heimat, politischer, religiöser, emotionaler heimatlicher Hintergrund, das sind doch die großen Themen. Wo kommen wir her, wo gehen wir hin?

I: Werte haben wir ja schon angesprochen. Kannst du noch einmal Begriffe finden dafür, welche Werte du in deiner künstlerisch-pädagogischen Arbeit vermitteln möchtest?

U: Ich mache das nicht, weil ich mir irgendwas überlegt habe – das will ich bewirken, bezwecken, erreichen -, sondern aus Freude, Liebe, Leidenschaft. Es macht mich einfach glücklich, mit Kindern und Jugendlichen zusammen zu sein und zu arbeiten. Es geht mir ganz klar um den kreativen Prozess, die Sprache herauszukitzeln, gemeinsam eine Sensibilität für Sprache zu entwickeln, Geschichten zu erzählen, der Phantasie Raum zu geben. Das sind alles Dinge, die, wie ich auch über Freunde und Familie mitbekomme, in der Schule immer weniger Raum haben. Ich sage auch immer von Vornherein, dass meine Workshops im „Kreativen Schreiben“ etwas anderes sind als der Deutschunterricht in der Schule, dass mir Rechtschreibung z.B. ganz egal ist. Anfangs fragen die Kinder und Jugendlichen immer noch ‚Darf ich auch das? Und darf ich das?‘. Dann sage ich, dass bei uns die dichterische Freiheit gilt, und dann geht der künstlerische Prozess los. Päng! Diesen auszulösen, und diese Freude und den Mut hervorkitzeln, sich der eigenen inneren Welt hinzugeben, diese überhaupt zu entdecken, dass sie einen Wert hat, dass sie sein darf und soll - das treibt mich an. Mit Sicherheit will ich nicht in erster Linie irgendwelche moralischen Werte vermitteln.

I: Wie ist das bei deiner Zara-Reihe?

U: Interessant, das habe ich auch gerade gedacht. Ich glaube wirklich, dass Kunst, die primär aus einem Impetus besteht, etwas zu bewirken und eine Intention zu vermitteln, oft keine gute Kunst ist. Ich würde schon behaupten, dass ein moralischer Zeigefinger viel kaputt macht. Für meine Kinderbücher hatte ich zum Glück einen Verleger, der das auch so gesehen hat wie ich. Er hat jetzt leider aufgehört… Im Vordergrund steht für mich immer die Geschichte, die Kunst, was und wie will ich erzählen, nicht die moralische Intention. Natürlich spricht trotzdem eine Haltung aus allem Geschriebenen, aller Kommunikation. Man kann nicht nicht kommunizieren. (…) Aber es gibt auch große Kunst, die bewusst politisch ist, etwas ganz Bestimmtes bewirken will. Sieh dir beispielsweise Brecht an. Ich bin ein großer Brecht-Fan. Er hat großartige Gedichte geschrieben. Er war entschieden politisch und hatte ein Anliegen. Es ist kompliziert…

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